Tintenherz

frei nach Cornelia Funke
Kindertheater ab 6 Jahren

Regie: Christiane Wolff                    Kostüme: Claudia Flasche
mit: Anja Barth, Fabio Esposito, Stefanie Friedrich, Mathias Kopetzki

Gedanken der Regisseurin

Foto: Buchtitel "Tintenherz"

Foto: Buchtitel Tintenherz

Schon als Kind liebte ich Bücher, so wie die meisten Kinder heute Filme lieben. Bücher waren für mich das Tor zu einer anderen Welt, einer Welt voll mit fremden Geschichten und Phantasie, mit Spannung, Komik und großen Gefühlen. Ein neues Buch roch verheißungsvoll, verbarg neue Abenteuer, es zu lesen hatte etwas fast geheimnisvoll Lebendiges und das Lesen selbst wurde manchmal zu einer richtigen Sucht.

Das liegt nun über 50 Jahre zurück und erzählt man heute einem Kind von der Liebe zu Büchern und der Lesesucht, erntet man meist Unverständnis. Zu viele Medien, Unmengen von Bilderfluten stürzen schon auf die Kleinsten ein und erschweren heute den Kindern die Entdeckung des Lesens. Cornelia Funke sagt über ihr Motiv, „Tintenherz“ zu schreiben: „Darüber wollte ich schreiben, über dieses Suchtgefühl beim Lesen. Dass das auch manchmal ein durchaus unmoralisches Vergnügen ist und ein sehr asoziales.“

Als ich daran dachte, Tintenherz auf die Bühne zu bringen war mein größtes Anliegen, den Kindern durch die spannende Geschichte etwas von der Liebe zu Büchern zu vermitteln. Ich wollte erreichen, dass sie nach dem Theaterbesuch ein Buch mit anderen Augen sehen. Das Original ist eigentlich ein Jugendbuch gespickt mit einigen heftigen gewaltsamen Szenarien. In der amerikanischen Verfilmung des Stoffes ist die Brutalität nicht zum Gewinn der Geschichte potenziert worden. Ich hatte eine Inszenierung von diesem Stoff gesehen, der anzumerken war, dass sie sich mehr um die Originalität verschiedener Charaktere und Handlungsstränge gekümmert hatte als um das Herzstück der Geschichte. Aber die Geschichte selbst ist ein einfaches Märchen nach einem sehr kindgerechten Strickmuster. Da gibt es einen Mann, der hat die Fähigkeit, durch Vorlesen Dinge und Menschen aus Büchern erscheinen zu lassen und jedes Mal, wenn etwas aus einem Buch kommt, verschwindet dafür etwas aus der wirklichen Welt. Leider hat er nicht im Griff, was herauskommt und was verschwindet. Auf diese Weise ist die Mutter seiner Tochter im Buch Tintenherz verschwunden und dafür sind ein paar Bösewichte herausgekommen. Als der böseste Böse hinter das Geheimnis des Vorlesens kommt, will er alles Gold der Weltliteratur herbei gelesen haben und entführt den Vorleser. Die Tochter macht sich auf die Suche nach dem Papa, es folgt eine äußerst abenteuerliche Befreiung, die Entdeckung der Mutter und der Sieg über das Böse.

Probenfoto Tintenherz 2011

Probenfoto Tintenherz 2011


Ich wollte es bei der Einfachheit der Geschichte belassen und das Bücherabenteuer mit Gewicht auf die emotionale Identifikation mit der Kinderheldin schon für Kinder ab sechs Jahren inszenieren. Dafür machte ich den bösen Handlanger zum größten Clown, baute die poetischste Figur des Staubfinger aus, besetzte die herzlichste Figur des Gwin, einen Marder aus der Bücherwelt des Mittelalters mit einem bespielbaren Kuscheltier, in das sich alle Zuschauer sofort verliebten und versuchte auch allen anderen Figuren so viel Kinderseele wie möglich einzuhauchen.

Dass mein Plan, das Stück für ein breites Altersspektrum anzubieten, zum Schluss voll aufging, habe ich aber wesentlich der Qualität meiner Schauspieler zu verdanken. Die Probenzeit war eine große Freude für alle, denn Ideen wurden ohne jede Mühe aufgegriffen, weiter entwickelt und alle ergänzten sich auf sehr positive Art und Weise.

Tintenherz war also schon im Schaffensprozess eine sehr beglückende Kindertheaterproduktion und ein großer Teil davon hat sich in jeder Vorstellung auf die Zuschauer übertragen. Die Kinder wollten oft gleich noch einmal wieder kommen, viele Kinder, die in den Schulvorstellungen gewesen waren, kamen später mit ihren Familien noch einmal, um die Geschichte zusammen mit den Eltern und Geschwistern zu erleben und viele Lehrer/innen kamen mit ihren Familien, um das Erlebnis auch mit ihren eigenen Kindern zu teilen.

Wird die dreijährige Anschubfinanzierung des Landes Stadt und Landkreis übernommen oder muss das Schultheater-Projekt eingestellt werden?

Probenfoto Tintenherz 2011

Probenfoto Tintenherz 2011

Vor drei Jahren ermöglichte eine jährliche Projektförderung des Landes Baden-Württemberg in Höhe von 25.000 € dem Theatersommer in den Wochen vor den Sommerferien gezielt eine Inszenierung für Schulen anzubieten. Die Nachfrage nach diesem Angebot ist in den drei Jahren kontinuierlich gestiegen. In der Spielzeit 2011 besuchten rund 2200 Schulkinder die Aufführungen von „Tintenherz“. Alle Vorstellungen war schon Wochen im Voraus ausverkauft und selbst mit 14 gespielten Aufführungen konnten wir die Nachfrage der Schulen nicht restlos befriedigen und mehrere Schulklassen kamen leider nicht in den Genuss des „Tintenherzabenteuers“.

Aber: Verkehrte Welt! Obwohl es am Erfolg des Projektes keinen Zweifel gibt, ist es fraglich, ob das Schultheater fortgeführt werden kann, denn die Finanzierung des Landes war ausdrücklich als dreijährige Anschubfinanzierung gedacht, die danach von Stadt, Kreis oder Sponsoren übernommen werden sollte. Seit über einem Jahr bemühen wir uns beharrlich, die Fortsetzung des Schultheaters so vorzubereiten, dass wir frühzeitig eine Planungssicherheit für die nächste Spielzeit bekommen. Leider sind wir mit unseren Bemühungen aber anscheinend am Ende angekommen und eine Zukunft des Schultheaters scheint fraglich. Obwohl es auf allen politischen Ebenen breite Zustimmung und Lob für den Erfolg des Projektes gibt, hat dies nicht zu einem Konsens in der Frage der Finanzierung geführt. Die Stadt Ludwigsburg würde gern mitfinanzieren, wenn auch der Landkreis Gelder zur Verfügung stellt. Der Landkreis ist jedoch nur dann bereit eine Mitfinanzierung zu prüfen, wenn auch das Land Baden-Württemberg weiter mit dabei ist. Das Land hat die Projektförderung jedoch ausdrücklich auf drei Jahre beschränkt. Und so dreht sich das Karussell der Eventualitäten weiter und weiter. Wenn solche Projekte wie das Schultheater sich nicht über den messbaren Erfolg automatisch selbst legitimieren, fragen wir uns natürlich: Wie ernst nimmt die Politik die immer wieder so sehr hervorgehobene Forderung der nachhaltigen kulturellen Bildung für unsere Kinder, wenn es an ihre vergleichsweise minimale Finanzierung geht?

Probenfoto Tintenherz 2011

Probenfoto Tintenherz 2011

Es ist für den Theatersommer jedenfalls unmöglich, hier noch mehr Eigeninitiative und Idealismus einzubringen. Schon jetzt tragen wir mehr als die Hälfte des Schultheater-Etats aus eigenen Mitteln, indem wir Teile der Unkosten aus den Einnahmen des Abendspielplans mitfinanzieren. Wir halten einen sehr niedrigen Eintrittspreis von 4 € pro Kind, was von allen Schulen sehr begrüßt wird. Bei einer mit 150 Kindern ausverkauften Vorstellung belaufen sich die Nettoeinnahmen nur auf etwa 550 €. Es ist unschwer auszurechnen, dass Verlagsrechte, Gema-Gebühren, Schauspielergagen und alle weiteren Kosten damit nicht einmal annähernd finanziert werden können, von den Produktionskosten gar nicht zu reden. Auch wenn das Schultheater nicht fortgesetzt werden sollte, werden wir alles daransetzen, auch weiterhin Kinder- und Familientheater anzubieten. In der gewohnten Form wird dies allerdings kaum gelingen, wenn die Finanzierung tatsächlich wegbrechen sollte.Wir sind froh, uns in den letzten 11 Jahren ein breites Repertoire an „zeitlosen“ Inszenierungen aufgebaut zu haben. Gerade dadurch, dass sich unser junges Publikum immer wieder erneuert, können wir den Spielplan der nächsten Jahre mit Wiederaufnahmen gestalten, wenn die Politik die noch brennende „Fackel“ des Schultheaters ausblasen sollte.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.