Weiblich. Männlich. Energie!

Was setzt uns zuverlässig unter Strom? Der Theatersommer 2019 erschließt eine alternative, nach Auffassung von Experten unerschöpfliche Energiequelle: Die Pole Weiblich und Männlich sind wie geschaffen, um dauerhaft enorme Potentiale freizusetzen. Der Theatersommer geht der Frage nach, wie diese Spannungsquelle funktioniert – und welche Nebenwirkungen zu erwarten sind. Die frisch aus London importierte Anleitung How To Date A Feminist lässt Wechselströme fließen und zeigt beispielhaft, wie man sein Seelenglück zu zweit gegen diverse Kurzschlüsse absichert. Der neuinszenierte Steppenwolf legt ebenfalls den Schalter um, bringt Weiblichkeit direkt und mitten ins Wolfs-Ich. Ein regelrechtes Dorffest voller Liebesaffären feiert die Premiere Schwarzwaldmädel im Saturday Night Fever. Hier verbindet sich die magnetische Attraktion des Bärbele Riederle mit dem elektrisierenden Funky-Potential von zeitlos pulsierenden Disco-Dance-Hits. In dem besonderen Solostück Die Wand wiederum gewinnt die Heldin aus einem existentiellen Widerstand, dem titelgebenden Hindernis, entscheidende Überlebenskraft. Das Kinder- und Familientheater steckt ebenfalls wie gewohnt voller überschäumender Energie. Das Mädchen Momo kämpft mit ganzem Herzen für Freundschaft, Fantasie und Menschlichkeit – die gerade dann kostbar und unverzichtbar sind, wenn ihre Zeit abzulaufen scheint. Pettersson und Findus zeigen auf spielerisch-liebenswerte Weise, dass Schwung und Lebensfreude gar keine Frage des Alters sind.

In London bereits Kult, kam How To Date A Feminist vor weniger als einem Jahr nach Deutschland. Die britische Dramatikerin Samantha Ellis packt eine Frau und einen Mann in eine einfache Versuchsanordnung: Was geschieht, wenn Er so rücksichtsvoll-feministisch daherkommt, dass Sie über ihre Rollenbilder ins Schlingern gerät? Und was heißt bitte typisch Mann, typisch Frau? Zunächst einmal galoppieren die Zwei, wechselseitig fasziniert, von einer ironisch-erotisch angereicherten Szene in die nächste. Bald ist klar, es wird geheiratet. Dann ist plötzlich nichts mehr klar – bis die Akteure herausfinden, was und wen sie tatsächlich wollen. Nicht weniger Überraschungen hält die zweite Saison-Premiere auf Lager, das Schwarzwaldmädel im Saturday Night Fever. Denn in die Dorfidylle von Bärbels Heimatort brechen das theatralisch begabteste Musik-Sternchen sowie weitere Liebes-, Eifersuchts- und Chaoskräfte ein. Je mehr die Bürgermeisterin nach Modernisierung lechzt, um so größere Chancen haben invasive Disco-Hits auf den ländlichen Sensationserfolg! Jedenfalls schaffen sie für Bärbel die Gelegenheit, im Partnerlotto den Hauptgewinn zu ziehen. Nur scheinbar andere Probleme hat Der Steppenwolf nach Hermann Hesse. Zwar tritt der Held als Einzelgänger im Widerstreit mit sich selbst und der Gesellschaft an, gespalten in zwei Figuren. Doch davon ist eine jetzt in der Neuinszenierung weiblich. So kommen Reibungsflächen hinzu – die „anarchistische Abendunterhaltung“ speist sich damit zum guten Teil aus dem Dualismus von Steppenwolf und -wölfin. Eine Geschlechter-Dynamik also ganz im Stil des Theatersommers, im neuen Bühnenbild und zusätzlich angetrieben durch Live-Elemente der Musik. Das Solostück Die Wand hat durch seine sorgfältig inszenierte Intensität bereits das Publikum wie die Presse überzeugt. Dazu trägt die atmosphärische Dichte der Rondell-Bühne bei, vor allem aber die bravouröse Leistung der Darstellerin. Sie erweckt eine ganze Bergszenerie zum Leben, sie vermittelt zugleich das existientielle Aufbäumen der Heldin, die mit ganzer Energie ihr Schicksal in die Hand nimmt. Als Einzelkämpferin beginnt auch Momo im Kinder- und Familientheater, steht sie doch allein gegen die Übermacht der Grauen Herren. Doch Momo kann auf Hilfe hoffen – und daraus entwickelt sich eine spannende Geschichte, die ernste Fragen stellt und dabei äußerst unterhaltsam bleibt. Fröhlich und vergnüglich wie eh und je erleben Pettersson und Findus die Abenteuer des Alltags in ihrer Idylle – gleichsam maßgefertigt für den blühenden Theatergarten. Unbändige gute Laune und Energie entspringen dem sympathisch-chaotischen Zusammenleben sehr unterschiedlicher Helden. Trotz Turbulenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit bleibt gewiss: Gemeinsam werden wir es schaffen. Und viel, viel Spaß haben!

So ist in dieser Theatersaison wieder gleichermaßen für Drama und Genuss gesorgt, fast wie im richtigen Zusammenleben, ja möglicherweise besser. Denn während im realen Dasein zwei unterschiedlich gepolte Ladungen auch mal Schäden anrichten, bleibt unser Theater stets in der gleichberechtigten Balance – freundlich grün und einladend. Lassen Sie sich in der Spielzeit 2019 bei uns unter anregende Spannung setzen! Gewinnen Sie reichlich Energie aus weiblich-männlichen Denkanstößen und Gefühlsimpulsen, aus knisternder Erwartung und befreiendem Lachen: Bis bald im Theatergarten!